Hallo Kathi,
mein wichtigster Tipp: Bewahre erstmal Ruhe! Ich möchte dir meine Meinung und Erfahrungen nun ehrlich aus vielerlei Hinsicht erzählen, denn deine Nachricht klingt sehr verzweifelt und hilfesuchend. Meine Erfahrungen zu
ADS und
ADHS sind auch vorhanden, allerdings vor Allem aus der Beobachterperspektive.
Erst zu mir persönlich: Ich habe 4 Kinder (drei große 19, 17. 15 und einen Kleinen fast 5 Jahre); bin von Beruf Lehrerin (immer 3. und 4. Klasse) und hatte bei einem eigenen Kind auch mal den Verdacht auf
ADS, arbeite in der Schule mit vielen
ADS und
ADHS- Kindern tagtäglich.
Nochmal: Bewahre erst Ruhe, höre in dich. Überlege, was willst du genau erreichen? Welche Erwartungen hast du an dein Kind? Versetze dich in dein Kind. Wo ist es genau unzufrieden und frustriert? Wo will es selbst "besser" werden? Wo ist die Gefahr, dass es sich und sein Leistungsvermögen aufgibt?
1. Schritt: Klärung dieser Ausgangsvorraussetzungen!
2. Schritt: Das Gespräch über genau diese Fragen ist auch mit der LehrerIn zu führen. Sie erlebt dein Kind im Unterricht und kann dir Auskunft geben .
3. Schritt: Lösungsmöglichkeiten überlegen. Hier hast du ja schon aufgezählt, was du alles machen willst.
Aber bitte, gehe alle Schritte sehr gründlich nacheinander, mache dir selbst noch mehr Gedanken, an was es liegt, dass dein Kind zu Hause besser arbeiten kann als in der Schule. Einige Antworten kann ich dir als Lehrerin auch geben: Die Klassen sind zu groß, meist führt nur eine Lehrerin die ganze Klasse mit 30 Schülern, davon einige mit
ADS. Rechne mal aus, wieviel Zuwendung ein Kind in einer Stunde bekommen kann. Zu laut ist es deswegen, weil sich viele Kinder nicht mehr konzentrieren können, weil es immer schwerer fällt, Kinder zu motivieren, weil Kinder auch immer mehr eine negative Schulhaltung der Eltern mitbekommen und sie dadurch immer weniger Respekt vor Lehrern haben usw. Ich könnte hier noch viele Gründe weiter nennen, du siehst, ich kann mich bei einer allgemeinen Schulschelte (Die Schule ist an allem schuld) nicht beteiligen, ich möchte es differenzierter sehen. In der Schule ist vieles nicht möglich, was du erwartest, dafür sind die Spezialisten (Psychologen) da, Schule kann Gespräche führen und Hilfen geben , aber nicht die ganze Therapie leisten, denn die Kinder sollen in erster Linie in der Schule etwas lernen und das ist ab der 3. Klasse ganz schön gewaltig viel, das weiß ich. Mir passt es auch nicht, dass beispielsweise so sehr viele Arbeiten geschrieben werden müssen und wir von Arbeit zu Arbeit hetzen und für schöne Projekte zu wenig Zeit bleibt. Aber sollen wir unsere Kinder in Wattekisten stecken? Sie müssen schon irgendwie auf das Leben vorbereitet werden. In meinem Unterricht ist mir deshalb immer viel Selbstständigkeit und eigenverantwortliches Arbeiten wichtig, Präsentieren können, Vortragen, kooperativ arbeiten können. Das sind alles Ziele, die für das Leben wichtig sind. Kinder, die aufmerksamkeitsgestört sind haben gerade in diesen Bereichen ihre großen Schwierigkeiten, denn sie lassen sich von allem Möglichen ablenken und tun alles, nur nicht das, was sie sollen. Klar, wenn sie zu Hause eine Zuwendungsperson bei den Hausaufgaben haben, können sie mehr als in der Schule. Dieses Argument höre ich auch sehr oft in meinen Elterngesprächen ("zu Hause konnte er es".)Ich denke, an diesem Punkt darf man nicht den Fehler machen und auf die Schule schimpfen, denn das hilft dem eigenen Kind wenig. Hier musst du dich auch fragen: An was hängt es? Wie kann ich meinem Kind helfen, dass es besser wird. Überleg dir kleine Schritte, nur mal für einen kleinen Bereich (Hausaufg. Mathe): aM sCHULSYSTEM GIBT ES VIEL ZU KRITISIEREN; DA UNTERHALTE ICH MICH GERNE DARÜBER; ABER MACH ES DIR NICHT ZU EINFACH MIT DER eRKLÄRUNG: eS IST SICHER NICHT der einzige Grund, da suchst du dir einfach einen Schuldigen. So wie ich es kenne, werden viele Gespräche mit den Eltern geführt, in denen gemeinsam überlegt wird, wie man dem Kind helfen kann. Und´glaub mir, diese GEspräche führen Lehrer zusätzlich zu ihrer Unterrichtsvorbereitungszeit, und Lehrer haben häufig einen so großen Stress (ganz entgegen den vielen Spöttern), der an die Substanz geht und viele krank macht. Ich bin zum Glück noch sehr stabil und halte viel aus.
Noch was: Eine klare Diagnose zu
Ads hilft dir nur insofern weiter, dass du jetzt zwar Bescheid weißt und dich in die Reihe der leidenden Eltern einreihen kannst, aber denke daran, du und besonders dein Kind muss damit leben. Macht das Beste daraus und erforsche Ursachen. Bei vielen Kindern, die ich mit
ADS und
ADHS kenne, haben die Eltern wenig Zeit für ihr Kind, die ist aber wichtig, damit du dein Kind kennenlernst. Viele sitzen zu viel vor den verschiedenen Kästen rum, mit denen sie sich irgendwann sehr gerne beschäftigen und dann natürlich ruhig sind. Aber das geht auf Kosten der Konzentration und inneren Ruhe in der Schule. Manche Kinder sind einfach lebhafter, na und? Man muss nicht alle Kinder ruhig stellen. Die Träumer müssen irgendwie aus der Reserve gelockt werden durch vieles Fragen, sinnvolle Aufgaben geben, Dinge, die die Kinder interessieren. Meine Wahrnehmung ist auch besser, wenn ich mich nur auf eine Sache konzentrieren muss. Wir Frauen sind ja oft mit vielen Antennen ausgestattet, aber ein Kind muss eben auch lernen, sich nur auf das Wesentliche zu konzentrieren und die störenden Kinder zu ignorieren. mANCHE kINDER KÖNNEN DAS ERSTAUNLICH GUT: sIE MACHEN AUCH MAL EIN Späßchen; WISSEN ABER; WANN ES GILT: mANCHE kINDER MÜSSEN DAS ABER MÜHEVOLL LERNEN; DAS MÜSSEN wIR ; D:H: eLTERN UND lEHRER IHNEN BEIBRINGEN.
Ein sehr positives Beispiel aus meinem Bekanntenkreis: Ein befreundetets Ehepaar hat ein Adoptivkind aufgezogen (Frühgeburt, div. Störungen), das aber geistig normal entwickelt ist. Es zeigte SYmptome von
ADHS. Ich glaube, viele Eltern hätten das diagnostizieren lassen. Meine Freundin setzte alles daran, den Bewegungstrieb des Kindes zu fördern: Es war sehr viel draußen, nahm Ergotherapiestunden, durfte herumtollen, auch wenn es für die Eltern und andere nervig war, musste sich nicht ruhig verhalten, durfte aber auch nur ganz begrenzt fernsehen und passive Dinge machen, Aktivität durfte voll ausgelebt werden. Dieses Kind hat kaum Schwierigkeiten in der Aufmerksamkeit in der Schule, kommt in allen Fächern gut mit, wird leider in der Schule Hin und Wieder in seinem Bewegungsdrang ausgebremst, darf sich aber zu Hause weiterhin viel bewegen. Meiner Meinung nach eine enorme positive Entwicklung, es hätte auch ein typisches
ADHS- Kind werden könne, wenn die Eltern es zu Hause mit TV und PC und Gameboy ruhiggestellt hätten.
Weiteres Beispiel: Mein mittlerer Junge könnte auch ein KISS- Kind sein. Er steckte lange im Geburtskanal, GEburt dauerte 38 Stunden. Um das Kind vor Sauerstoffverslust zu retten, wurde mir auch extrem auf dem Bauch gedrückt mit einem selbsthergestellten Knebel aus einem Betttuch, die Hebamme zog kräftig am Kopf, bis es endlich heraus kam. Mit etwa zwei Jahren stellte ich fest, dass der Junge immer so verträumt war, mich und meine Fragen kaum wahrnehmen konnte und wie in seiner eigenen Welt steckte, fast autistische Züge annahm. Immer wieder sprach ich die Kinderärztin auf dieses Verhalten an und ich war mir ziemlich sicher, dass es sich um
ADS handelte in der verträumten Variante, aber die Ärztin beruhigte mich immer wieder: Was wollen Sie denn, Ihr Kind kann sich doch konzentrieren und Spiele ausführen und auch zu Ende bringen. Ich musste ihr Recht geben, das Kind ist ein sehr kreativer Junge geworden, im Theaterspielen sehr begabt, wird vermutlich in Richtung Schauspiel eine Ausbildung machen. Aber er war die ganze Schulzeit so, mal abwesend und in seiner Welt, aber dann hat er scheinbar doch gelernt, auf die wesentlichen Dinge im Schulstoff zu achten, sonst wäre er vielleicht nicht so weit gekommen. Ohne mich loben zu wollen: Ich glaube, dass ich intuitiv das richtige bei ihm gemacht habe. Dadurch, dass die Ärztin mich nicht ernstnahm, worüber ich mich damals natürlich tierisch ärgerte, war ich gezwungen, selbst genauer auf mein Kind zu achten, ich habe ihm viel vorgelesen, habe seine Fragen zu Gott und die Welt versucht zu beantworten und habe die aufmerksamen Momente genutzt. In den abwesenden habe ich ihn eben träumen lassen. Das kann man allerdings nur als Mutter tun, in der Schule ist das nicht möglich. Es wäre allerdings auch als Mutter auch mal möglich, sich in der Schule mal nebendran zu setzen und auf das Kind zu achten, wie es auf den Unterrichtsstoff achtet usw. Das würde ich an deiner Stelle machen. Wir Eltern haben das Recht zur Hospitation bei unserem Kind. Viele Lehrer mögen das nicht gerne, ich finde es allerdings nur positiv für beide Seiten ...natürlich unter der Vorraussetzung, man will dem eigenen Kind helfen und nicht den Unterricht des Lehrers ausspionieren und bloßstellen. Verschwiegenheit ist natürlich auch Bedingung, aber das kannst du vielleicht auch mal bei der Lehrerin probieren und vorschlagen. Mach ihr klar, dass du deinem Kind beim Aufpassen helfen willst, dann dürfte sie nichts dagegen haben (Termin abklären).
Bezüglich Terminabsprache mit der Schule kann ich nich beurteilen, woran es liegt, dass ihr keinen gemeinsamen Termin hinbekommt. Frage nach, woran es liegt. Das ist besser als die Schule pauschal zu beschimpfen. Dort sind nicht nur faule und unmotivierte Menschen, die meisten haben den Beruf gewählt, weil sie gerne mit Kindern arbeiten wollen und glaub mir, es sit ein harter Job und ich denke auch ab und zu "ach die anderen Berufe haeb es gut, die haben einfach Feierabend und können dann abschalten", das tun Lehrer kaum, sie arbeiten auch zu Hause, nehmen Probleme mit, beschäftigen sich auch in der Freizeit damit. Es gibt sicherlich auch von allen Sorten Lehrer, selbst ich kann gerne spitz werden über die Arbeitmoral mancher Kollegen, aber gibt es das nicht in jedenm Beruf genauso? Versuche doch mal alles positiver zu sehen, leide nicht so sehr, sondern mache das Beste aus deiner Situation, in dem du immer wieder überlegst, was ist das Beste für mein Kind? Das sollten normalerweise nicht nur Eltern sondern auch Pädagogen tun.
Ich wäre dir sehr dankbar für eine Antwort, es wäre schön, wenn du einen zufriedenstellenden Weg für dich finden könntest. Gerne plaudere ich auch mit dir weiter, doch jetzt muss ich mich noch für die Schule morgen weiter vorbereiten.
Liebe Grüße Ursel